Liebesbriefe

Es ist nicht leicht, den Liebesbrief zu definieren, denn eine Definition müsste allen Liebesbriefen gerecht werden, die geschrieben wurden und noch geschrieben werden. Ein Blick in historische Wörterbücher zeigt, dass Liebesbriefe, auch von den Lexikografen in ihrer zeitlichen Bedeutung wahrgenommen und auch so dargestellt werden.

Der Liebesbrief  im Wörterbuch:

Liebesbrief, der: Brief, den jmd. an die Person, die er liebt (1b) schreibt u. in dem er seine Liebe ausdrückt: -e schreiben; einen L. bekommen. (Duden 1999)

Liebesbrief (m.; -(e)s, -e) zärtlicher Brief an die Geliebte, den Geliebten. (Wahrig 1982)

Liebes-, […] –brief, der zärtlicher Brief an die Geliebte, den Geliebten: glühende Liebesbriefe. (WDG 1969, das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache wurde in der damaligen DDR herausgegeben)

Besonders deutlich wird die Veränderung des Konzepts und der Bedeutung des Liebesbriefs, wenn man ältere Wörterbücher konsultiert.

Liebesbrief, m. Brief der Liebe erklärt oder unter Liebesleuten geschrieben wird. (Heyne 1892, S. 650)

Liebesbrief […]: Brief an an den oder die Geliebte in Bezug auf die Liebe. (Sanders 1863, 215f.)

Bei einigen Autoren (wie beispielsweise im Grimmschen Deutschen Wörterbuch, s.u.) wird auch die Diminutivform (Verniedlichung, Verkleinerung) aufgeführt:

Liebesbrief, m.: ob ich mich wohl getraue, einen recht artigen liebesbrief in versen aufzusetzen. Göthe 24, 263; kaum trat ich in die laufbahn, als ich alle die gemeinen manieren, liebesbriefe zuzustecken verachtete. 36, 73;

er sann auf einen liebesbrief,

schluch die romane nach, und trug die hellsten flammen

in einen brief aus zwanzigen zusammen. Gellert 1,77;

ach, und gestern schrieb ich meinen millionten liebesbrief! Platen 283.

Liebesbriefchen, n.; das liebesbriefgen, welchen er neulich von seiner liebsten erhalten. Chr. Weise erzn 58 Braune.

Liebesbrieflein, n.:

ein blättchen ist im busen leicht zu tragen,

mit liebesbrieflein paarts bequem sich hier. Göthe 41,97.

(Aus: Deutsches Wörterbuch der Gebrüder Grimm 1885)

Aus heutiger Sicht lässt sich der Liebesbrief im engeren Sinne bestimmen als ein Schreiben an eine geliebte Person, in welchem die Liebesgefühle explizit oder implizit zum Ausdruck gebracht oder dargestellt werden (Wyss 2003). Der prototypische Liebesbrief  ist dabei der handschriftliche Brief. Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts sind Briefe in der Regel rein verbale Texte, die von Hand geschrieben werden. Man schreibt den Text durchgehend, ohne Gliederung in Abschnitte. Er wird schön und – wenn nötig – ins Reine geschrieben. Die Handschriften sind zu Beginn des Jahrhunderts wenig individuell. Man schreibt bis zu den 1950er Jahren in gleichmäßigen Buchstaben, in geraden Linien, mit angemessenem Abstand vom Blattrand, auf möglichst wertvolles Papier. Diese vielfältig symbolisierte Anstrengung und Leistung ist nicht nur Ausdruck für Sorgfalt, sondern immer auch gleichzeitig Metapher für die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Gefühls (Wyss 2003).

Der Liebesbrief kann neben dem Ausdruck der Sehnsucht und des Begehrens – wie diesleidenschaftliche (zärtliche, verliebte) Liebesbrief typisch ist – weitere kommunikative Funktionen aufweisen. So wird beispielsweise der schriftliche Heiratsantrag auch zu einem juristischen Schriftstück, weil der Antrag durch die Schriftlichkeit dokumentiert wird und damit einen offiziellen Charakter erhält (Wyss 2003).

Es lässt sich also im weiteren Sinn neben dem leidenschaftlichen Liebesbrief eine ganze Reihe Liebesbriefuntergattungen klassifizieren (Wyss 2015):

  • das schriftlich diskrete Liebesgeständnis
  • Liebesbriefe, in denen in erster Linie ein Treffen ausgehandelt, vereinbart oder aber abgesagt wird
  • Glückwunschschreiben
  • Begleitschreiben
  • Dankesschreiben
  • Briefe zum Beziehungsende
  • Rückholbriefe, sowie das oben bereits erwähnte
  • Antragsschreiben

Diese Ausdifferenzierung der Liebesbriefuntergattungen erfolgen auf der Basis von sprach- und kulturwissenschaftlichen Analysen des Archivmaterials. Unter dem folgenden Link erhalten Sie weitere Informationen zum Archiv.

 

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